Vier Senioren schauen auf 2 Notebooks

Von Kladow bis Staaken

18 km, Samstag, 8. Juni 2019

Veronika Heymann

Seit Ende April radeln Senioren des Herthaclubs in Etappen den Mauerradweg entlang. Für jede Etappe hat sich jemand gefunden, der oder die den Hut für diese Tour aufhat. Damit alles reibungslos läuft, macht die jeweilig zuständige Person im Vorfeld eine Probefahrt und erkundet die Strecke. Veronika Heymann hat mit ihrem Freund zwei Streckenabschnitte übernommen. Von Kladow bis Staaken, 18 km, Samstag, 8. Juni 2019 Veronika Heymann Um bis Kladow zu kommen, mussten oder durften wir erstmal die Fähre von Wannsee bis Kladow benutzen. Das war schon mal ein Highlight, bevor die Tour überhaupt erst richtig begann. Ich habe als Tourleiterin zur Unterstützung noch meinen Freund Robert mitgenommen. Er wollte ursprünglich mit seinem Klappfahrrad die Strecke machen. Glücklicherweise konnte ich ihm das ausreden. Er wäre sonst heute noch unterwegs. Auch hat er wohl die Fitness der anderen Teilnehmer erheblich unterschätzt. Von Kladow aus schnappten wir unsere Räder und starteten bei schönstem Wetter die eigentliche Tour. Es ging erstmal zum Groß Glienicker See, die Mauer oder die Sperranlagen immer rechts oder links vom Weg. Viel ist davon nicht mehr zu sehen und wenn nicht immer wieder Tafeln, Stelen oder Karten am Weg aufgestellt wären, die auf bestimmte, meist traurige Ereignisse an dieser Schicksalsgrenze hinweisen, könnte man übersehen, dass hier mal eine Grenze war. Schon bei der Vorerkundung zu dieser Tour war uns, etwas abseits vom Weg, die kleine Dorfkirche in Groß Glienicke aufgefallen. Dort machten wir auch diesmal Halt und konnten prompt eine musikalische Generalprobe für eine Hochzeit genießen. Danach erhielten wir einen interessanten Vortrag von einem sehr engagierten Förderer der Kirche. Weiter ging's zu den ersten originalen Maurerresten und durchs Tor von einem uralten Rittergut. Erst seit Kurzem ist das Fort Hahneberg für die Allgemeinheit zugänglich. Diese Gelegenheit haben wir natürlich genutzt. Krönender Abschluss war die Besteigung des Hahnebergs, von dessen Gipfel wir eine wunderbare Rundumsicht über das wiedervereinigte Berlin genießen konnten. Von Staaken bis Hennigsdorf, Samstag, 15. Juni 2019 20 km Vom Bahnhof Staaken kamen wir schnell bis zur Dorfkirche Alt-Staaken. Die stand damals direkt an der Mauer. Etwas abseits vom Mauerweg liegt ein ehemaliges großes Außenlager des KZ Sachsenhausen. Bei der Vorerkundung habe ich dies mit Robert besucht. Auf dem weiteren Weg kamen wir an einem großen Stelen-Ensemble vorbei, auf dem die Geschichte der Teilung und der Mauer ausführlich dargelegt ist. Überhaupt säumen am Rand dieser Tour zahlreiche Stelen mit Hinweisen auf tragische Vorfälle an der Grenze den Weg. "Bürgerablage" ist nicht etwa ein spezieller Aktenschrank in Berliner Amtsstuben, wie der Name vermuten ließe, sondern ein Badestrand mit angeschlossenem Jagdhaus-Restaurant. Endlich erreichten wir den Grenzturm Nieder Neuendorf. An diesem Tag, lange nachdem dessen eigentliche Bestimmung beendet war, war dieser eine echte Erleichterung für uns. In seinem Inneren, das jetzt ein historisches Museum beherbergt, herrschte nämlich eine angenehm niedrige Temperatur, welche uns an diesem sehr heißen Tag gelegen kam. Etwas später haben wir uns nochmal mit einem Eis in einem Café abgekühlt.

30 Jahre Mauerfall

Mauer-Weg mit dem Fahrrad entdecken

Maud Meinel

Aus Anlass des 30.Jahrestage des Mauerfalls in diesem Jahr radeln wir den Mauer-Weg in Etappen entlang. Der Mauer-Weg beträgt ca. 160 km, davon sind 50 km innerstädtische Grenze. Der ehemalige Todesstreifen wurde als Grünes Band angelegt und somit als Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen erhalten. Bei unseren Radtouren geht es nicht darum, möglichst schnell viele Kilometer vorweisen zu können, sondern um das Erinnern und Erkunden der Denkmäler und Sehenswürdigkeiten. Ganz nebenbei genießen wir schöne Parks, blicken auf Felder und Seen und manchmal geht es mitten durch die Stadt. Die 160 km sind in Streckenabschnitte zwischen 10- 20 km eingeteilt. Einige Etappen wurden schon geradelt und einige Streckenabschnitte liegen noch vor uns. Die erste Etappe begann Ende April im Süden Berlins. Von Mahlow nach Lichterfelde Süd Treffpunkt war S-Bahnhof Mahlow. Um zu dem Mauerradweg zu gelangen mussten wir ein Stück durch den Ort und an Landstraßen entlangfahren. Auf diesem Weg kamen wir an einem Denkmal zur Maueröffnung vorbei, welches aus Anlass des 20. Jahrestag des Mauerfalls errichtet wurde. Nach einer holprigen Pflasterstraße erreichten wir den Mauerweg und fuhren durch Wald, vorbei an Wiesen und Felder. In dieser grünen Idylle stießen wir auf Zeichen und Erinnerungen an die Opfer an der deutsch-deutschen Grenze. Immer wieder tauchten auf dem Weg orangefarbene Stelen auf, die an Menschen erinnern, die beim Fluchtversuch erschossen wurden. Jede Stele ist mit einem Foto und den wichtigsten Daten und Ereignissen um den Toten versehen. Mit der Mittagssonne wurde es immer wärmer und so kam das Hinweisschild auf einen Eisladen gerade zur rechten Zeit. Auf unserem Weg lag auch das Notaufnahmelager Marienfelde. Nach dem schönen Fahrradweg mussten wir nun im städtischen Freitagsverkehr in Ermangelung von Fahrradwegen auf Hauptstraßen fahren bis wir das Notaufnahmelager erreichten. Heute befindet sich in einem Teil des Notaufnahmelagers eine Dauerausstellung zur Flucht im geteilten Deutschland, welche man kostenlos besuchen kann. Im anderen Teil des Gebäudes leben Flüchtlinge. Von 1953 bis 1990 passierten 1,35 Millionen DDR-Flüchtlinge und Aussiedler dieses Lager. Erleichterung machte sich breit als wir nach dem Stadtverkehr wieder auf dem Mauerweg landeten. Dort radelten wir weiter bis zur Kirchblütenallee. Eine Augenweite: alle Bäume blühten rosarot. Die 800 Kirschbäume wurden1995 von japanischen Bürgern aus Freude über die deutsche Vereinigung gestiftet. Noch größer wurde unserer Freude als wir auf diesem Weg von lieben Freunden aus dem Club mit einem Picknick an einer Bank empfangen wurden: Frischer Kaffee, Tee, Brezel, Kekse, frisches Obst und vieles mehr. An alles hatte Marlene Vastal mit ihren Helfern gedacht, sogar an Sitzkissen, da die Bänke nicht ausreichten. An dieser Raststätte am Ende unserer Tour tauschten wir uns über unsere Erlebnisse am Tag des Mauerfalls aus. Der warmherzige Empfang war der krönende Abschluss einer tollen Fahrradtour. Am Ende fuhren einige noch die gesamte Kirschblütenallee bis zu zwei Mauerstücke am Ende des Wegs und andere direkt zur S-Bahnstation Lichterfelde Süd. Die zweite Etappe über ca. 12 km fand eine Woche später statt. Gestartet wurde am S-Bahnhof Lichterfeld Süd und führte bis Zehlendorf. Als wir an der Kirschblütenallee vorbei kamen, lagen die ganzen Blütenblätter auf dem Boden. Eine Woche davor hatten wir auf unserer ersten Etappe die Bäume noch in voller Pracht blühen sehen. Auf dieser Strecke gab es viel Natur und Kultur. Da die Strecke sehr kurz war machte die Gruppe einen Abstecher vom Mauerradweg weg zur U-Bahnstation Onkel-Toms-Hütte. Dort schauten wir uns nicht nur den besonderen U-Bahnhof an sondern auch die Waldsiedlung im Umfeld der U-Bahnstation.

Inzwischen hat es zahlreiche weitere Etappen gegeben. Wir radeln weiter bis September. Wer mitfahren möchte, meldet sich im Herthaclub. Dort erhalten Sie nähere Informationen.

9. Tour, Mittwoch, 3. Juli, Von Frohnau nach Hohen Neuendorf, ca. 10 km
10. Tour, Donnerstag, 27.Juni, Von Hohen Neuendorf nach Rosenthal, ca. 20 km
11. Tour, Donnerstag, 11.Juli, Von Rosenthal nach Potsdamer Platz, ca. 20 km
12. Tour, Mittwoch, 17.Juli, Vom Potsdamer Platz nach Warschauer Straße, ca. 10 km
13. Tour, Freitag, 02.August, Von Warschauer Straße nach Köllnische Heide, ca. 10 km
14. Tour, Mittwoch, 31.Juli, Von Köllnische Heide nach S-Schöneweide, ca. 12 km
15. Tour, Mittwoch, 7.August, Von Schöneweide nach Schönefeld, ca. 12 km
16. Tour, Freitag, 13.September, Von Schönefeld nach Mahlow , ca. 17 km

8. März Internationaler Frauentag

Der Internationale Frauentag hatte am 8.März 2019 seinen 100.Geburtstag und stand in Deutschland unter dem Leitspruch „Verfassungsauftrag Gleichstellung – Taten zählen!“. 1919 durften in Deutschland die Frauen zum ersten Mal wählen. Mit der Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen war immer auch die Forderung nach sozialer und politischer Gleichberechtigung der Geschlechter verbunden. Die UN-Generalversammlung rief 1977 diesen Tag zum „Tag für die Rechte der Frauen und den Weltfrieden“ aus.

Das Besondere  in diesem Jahr ist nicht nur der runde Geburtstag, sondern auch, dass in Berlin der Frauentag zu einem Feiertag gewählt wurde. Dieser Feiertag ist Ausdruck von gesellschaftlichen Veränderungen in einer Stadt, die wie keine andere deutsche Stadt von dem Zusammenwachsen von Ost und West geprägt ist, international ist, in der mehr Frauen als Männer leben und in der ein hoher Bevölkerungsanteil konfessionslos ist.

Der neue Feiertag in Berlin war Grund genug, um dieses Ereignis  im Seniorenclub Herthastraße zu feiern. Unter dem Motto von Emma Goldman „Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht meine Revolution“ verbrachten 70 Frauen und Männer einen ausgelassenen Nachmittag im Club. Nach dem Kaffeetrinken wurde auf den neuen Feiertag mit Sekt angestoßen und dann ging es los. Zuerst trat die Line-Dance-Gruppe von Marlene Vastal mit ihrem umwerfenden Strumpfhosentanz auf. Trommelwirbel und heiße Rhythmen begleiteten die afrikanischen Tänze von Jacqueline Gauvrit. Wer dann noch nicht auf der Tanzfläche war wurde von DJane Helga zum Tanzen bewegt.

Wenn erst der Blick geschärft ist …

Graffiti im Mauerpark

von Marie Zacher

Gleimstraße 55? Mauerpark? Wie komme ich denn dahin?!! Na klar, mit der S-Bahn bis Schönhauser Allee! Schon am Bahnhof Halensee war ich nicht mehr allein, Brigitte stieg in den Waggon und wir fachsimpelten eifrig über den besten Weg zu den allerfeinsten Wandbildern, Graffiti-Exzessen und Urban Art … Für mich war es die 2. Exkursion mit der Street Art Fotogruppe.

An der Gleimstraße 55 war erstmal nichts, - versteckt dann eine Eingangstreppe zum Park und, nachdem die Gruppe eingetrudelt war, ein fröhlicher Aufbruch in einen herbstlich kühlen windigen Park. Halt – der geschärfte Blick sah in der Gleimstraße mehrere Transparent, handgeschriebene Fensterbilder und ein gedrucktes Hausplakat: Milieuschutz – war das Thema. Es kann uns nicht kalt lassen, wenn wir den Weg zu einer differenzierten Wahrnehmung von „Straße“, „Straßenkunst“, „Wohnstraßen“, Verkehrsstraßen sind. Mit suchenden Schritten - vorbei an kleinen und größeren Baustellen, die Parkwege versperrten, gelangten wir an einen Teil der alten Berliner Mauer, der über eine 300m lang Fläche „fertige“ Straßenkunst zeigte. Beim näheren Betachten und Fotografieren entdeckten wir mehrere Sprayer, die „vollendete“ Bilder übermalten, Neues schufen, konzentriert auf die Spraydose drückten und viele neue Striche zogen, deren Sinn wir jetzt noch nicht erkennen konnten. Das war toll, den lebendigen Umgang mit Spray, Phantasie, völlig „respektlosen“ Umgang mit Vorhandenem zu sehen. Was entsteht? Was wird übermalt? Was dringt durch? Was ist einfallsreich? Was ist pures Klischee?

Naja, es sollten ja noch weitere Spaziergänge folgen, da werden wir schon noch ein paar Antworten finden …

Jetzt jedenfalls musste ein Café her. Ein „veganes“ Café lud ein, das sich mit einem 20m entfernten indischen Restaurant die Klobesucher teilte (ohne Trinkgeld!!) und herrlichen Obstkuchen anbot samt Kaffee natürlich. Frisch gestärkt entdeckten wir in der Oderberger Straße viele Graffitis, Bilder, „alte“ Zeichen, bekannte Künstler und mehrere Haustüren, deren Strukturen erstaunlicherweise das Chaos der Bemalung ordneten. So konnte ich mir mit viel Fantasie eine Verbindung zwischen spontaner Straßenkunst und herrlichen, kunstreichen Häuserfassaden entdecken. Die Türen versprachen viel, Hinterhof an Hinterhof konnte sich öffnen. Aber wer wohnt dort in 10 Jahren?

Auf dem Rückweg zum S-Bahnhof Schönhauser Allee begegneten wir nicht nur einem schon bekannten bunten Hund mit Sprechblase, sondern auch einem Mann, der auf einem Einfahrtspolder saß und zeichnete. Ulla, eine Frau aus unserer Entdeckergruppe, sprach ihn an, ob er die Sprechblase „The future is …“ lesen könne, doch auch sein Smartphone wusste es nicht. Er lachte herzlich mit und über uns. „Das (Graffitis) ist doch eigentlich für junge Leute! Warum interessiert es Sie? Das ist ja toll!“ Er kommt aus Sevilla, wohnt schon länger in Berlin und wir alten Frauen waren fröhlich verbunden mit der großen, weiten Welt.

Street - Art- Fotogruppe unterwegs

Graffititreffen ohne Graffitis

Claudia Hoffmann
Diese Entdeckungsreise sollte uns in die Nähe des Bahnhof Zoos führen. Zeitungsartikel hatten über ein Gelände und Projekt berichtet, an dem man Graffitis sehen kann, auf dem gesprüht wird und es hin und wieder Auftritte von Musikgruppen geben soll.
Ein 4500 qm großes und freies Gelände mit Graffitis unter dem Projektnamen „Home Town Berlin“ am Bahnhof Zoo war das Ziel für die dritte Erkundungstour unserer Senioren-Street-Art-Fotogruppe. Gesagt, getan, im Voraus informierten wir uns über die Öffnungszeiten, schnappten hochmotiviert unsere Kameras und machten uns auf den Weg.
Dieser Weg  führte durch die Hertzallee zunächst an der Bahnhofsmission vorbei, an der Obdachlosen unserer Stadt sich in die Essensausgabe einreihen. Die andere Seite Berlins und ein totaler Kontrast zu den herausgeputzten, neuen Luxusgebäuden, die sich nur wenige Minuten weiter befinden.
Dann standen vier Frauen der Street-Art-Fotogruppe vor dem Freiluftatelier, oder besser gesagt vor einem Lattenzaun, der das Gelände umrundet.
Wo bitte ist hier der Eingang? Ratlose Blicke wurden ausgetauscht. Ah – dort zeigt ein Pfeil nach rechts, aber was ist das? Ein neuer Pfeil wiederum nach links. Schließlich liefen wir den Zaun systematisch entlang und fanden tatsächlich einen Eingang. Jedenfalls sah das vorhandene Schloss nach einem möglichen Eingang aus. Nur leider war dieser verschlossen und kein Künstler oder Pförtner in Sicht. Per Smartphone wurde im Internet überprüft, ob die Öffnungszeiten auch richtig waren. Kleine Sehschlitze im Zaun weckten unsere Neugierde, denn man konnte Ausschnitte von bunten Bildern sehen. Ja, seit 16:00 Uhr sollte hier auf sein, inzwischen war es 16:20 Uhr. Wir sprachen Passanten an, ob sie vielleicht wüssten … Nein.
Enttäuscht  wurden die Fotoapparate also wieder eingepackt und wir entschlossen uns, den sonnigen Tag im Café ausklingen zu lassen. Wir landeten zwischen lauter Studenten in der Mensa der Volkswagen Bibliothek. Ein Ort an dem man zu studenten- &seniorenfreundlichen Preisen Kaffee und Kuchen kaufen kann. Statt Graffitis zu fotografieren saßen wir Mitte September draußen bei Kaffee und Kuchen, plauderten und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen -  ein super Ersatzprogramm.
Einige von uns wollten  einen weiteren Versuch starten und gingen auf dem Heimweg nochmal zu dem Eingang am Bretterzaun. Er war leider immer noch verschlossen. Dann eben nicht, die Stadt hat auch noch an anderen Plätzen mit Street Art zu bieten, ganz unverschlossen und immer zugänglich. Der nächste Ausflug steht schon fest. Dann geht es nach Kreuzberg.

Geburtsstunde der Gruppe Street-Art-Fotogruppe

Maud Meinel

Nach dem Besuch des Museums „Urban Art Nation“ im März diesen Jahres saßen die Teilnehmer noch in einem nahegelegenen Café in Schöneberg und tauschten sich über Graffitis und Straßenkunst aus. Es stellte sich heraus, dass sich einige schon länger für diese Kunst interessieren. Tipps über Orte und Erfahrungen wurden weitergegeben. Einige verabredeten sich für den Besuch einer temporären Graffitiausstellung in Wilmersdorf. Hier im Café entstand die Idee, gemeinsam durch die Stadt zu streifen und zu entdecken, was Berlin an Street-Art zu bieten hat. Vielleicht könnte eine Ausstellung mit Fotos von unseren Lieblingsgraffitis im Herthaclub entstehen. Eine Ausschreibung für eine solche Gruppe erfolgte: Neue Gruppe: Graffitiwelt in Berlin mit der Kamera entdecken

Erste Exkursion der Street-Art-Fotogruppe Rosenthaler Straße 39 und Umgebung

Ingrid Bahri

Das erste Treffen der Straßenkunstgruppe fand im Juli bei herrlichem Sonnenschein statt und führte uns in die Rosenthaler Str. 39 – direkt neben den Hackeschen Höfen. Dieser Hinterhof hat mich total fasziniert. Ich war vorher noch nie hier. Es ist eine riesige Open-Air-Gallery vollgepackt mit Graffitikunst/Street Art. An allen Wänden gibt es etwas zu sehen. Die Sachen bestehen aus den verschiedensten Materialien und Motiven. Hier braucht man auch keinen Eintritt zu zahlen. Die Gegend um den Hackeschen Markt ist eine Touristenhochburg mit Starbucks, Einkaufsketten und teuren Geschäften. Ganz anders die Gebäude in der Hausnummer 39. Hier befinden sich auch das Anne-Frank-Museum, das Museum der Blindenwerkstatt Otto Weidt, das Kino Central, die Galerie Neurotitan und diverse Kneipen und Cafés. Die Künstler haben jede freie Fläche besprüht, bemalt oder beklebt, meist farbig, aber auch in schwarz/weiß. Die Kunstwerke sind unterschiedlich groß, von ganz klein bis überdimensional wie z.B. das bekannte Portrait von Anne Frank vor dem Museum. Es kommen ständig neue Graffitis hinzu, so dass die älteren nur noch teilweise zu erkennen sind. Einige Sprayer hinterlassen einen Namenszug oder ein sich wiederholendes Motiv. So kann man Künstler wieder erkennen. Das Bild eines Clowns mit einer roten Nase, hatte eine Teilnehmerin schon öfter in Berlin, aber auch schon in Tel Aviv gesehen. Nach einer ersten Orientierung zogen wir mit unseren Kameras durch den Hinterhof und fotografierten. Dabei entdeckten wir immer wieder neue Ecken und Details. Bevor es weiter ging, gönnten wir uns erstmal ein erfrischendes Getränk in einem der Cafés. Es war einer dieser heißen Sommertage, unser erster Ausflug und weil es Spaß gemacht hat zogen wir auf gut Glück noch weiter in die umliegenden Straßen. Der Blick immer an der Wand entlang. Und wir wurden fündig. Wir haben Feuer gefangen und freuen uns schon auf die nächste Tour.

© Ingrid Bahri

Street-Art-Fotogruppe auf dem ehemaligen RAW Gelände

Brigitte Krahwinkel

Am 22.8.2018 traf sich unsere Gruppe in der „Urban Spree Galerie“, Revaler Straße 99 in 10245 Berlin. So weit im Osten war ich noch nie. Mit Hilfe von Karte und Navi versuchte ich, den Treffpunkt zu finden. Irgendwo musste in der Nähe der Warschauer Straße doch eine Galerie sein. Nach mehreren Hundert Metern Mauer hatte ich das Gefühl, dass hier was falsch läuft. Aber dieses dubiose Gelände hinter der Abgrenzung zu betreten kam mir nicht in den Sinn. Der Navi bestand aber darauf, dass hier die Nummer 99 sei. In der Erwartung, gleich wieder des Feldes verwiesen zu werden, tastete ich mich vorsichtig auf dem Gelände voran. Eine Kletterhalle, Clubs und Diskos, Trödelmöbel, Ateliers, die Minidisko-Telefonzelle, die ich mal im WDR-TV gesehen hatte, eine wunderschöne Außengastronomie und am Ende wahrhaftig die Galerie, die übrigens eine gute Ausstellung, Seriengrafik und massig Literatur zur Urban Art anbot. Dass hier auf diesem Gelände nachts eine Menge Umsatz gemacht wird, konnte man an den verschiedenen hübsch verkleideten Geldautomaten erkennen, aber dass es mich nachts hierher verschlagen könnte, möchte ich bezweifeln. Ja, und jetzt wurde klar, dass man gleich hinter der Brücke nur die Stufen runter zu gehen brauchte. Als die Gruppe komplett war, stellte sich heraus, dass andere ähnlich umhergeirrt sind. Für mich, deren Leben sich im Normalfall zwischen Kudamm und Kantstraße abspielt, hatte das Gelände schon etwas Gruseliges. Aber den Müll in den Ecken und die Scherben zwischen den alten Pflastersteinen vergaß man beim Fotografieren, denn es gab kein Eckchen, das nicht irgendwie gestaltet, in der Regel besprüht war. Die Ausbeute an Bildern war gewaltig und der Austausch darüber am Ende unseres Streifzugs durch das Gelände sehr vergnüglich.

 

© Maud Meinel

Ausflug in das arabische Berlin – eine Führung mit einem syrischen Flüchtling in Neukölln

Maud Meinel

Es war einer dieser ganz heißen Sommertage an dem eine Gruppe von Senioren des Herthaclubs aus Wilmersdorf zu einer Führung in Neukölln aufbrach. Einige Teilnehmer waren schon „eine Ewigkeit“ nicht mehr in Neukölln, andere haben dort vor Jahren einmal gelebt oder ihre Kindheit in diesem Stadtteil verbracht. Diese Führung war keine gewöhnliche Stadtführung, sondern wir sollten aus dem Munde eines syrischen Flüchtlings hören, wie er aus Syrien nach Berlin gekommen ist und was ihn mit Neukölln verbindet. Im Schatten eines Hauses, gegenüber der Feuerwehr stellt sich Mohamad Khalil als ein Kurde aus Aleppo vor. Kurden haben keinen eigenen Staat und leben in vielen verschiedenen Ländern. Sie haben keine gemeinsame Sprache, aber eine gemeinsame Kultur. Dazu zählt das Nouruzfest, welches wir im letzten Jahr auch im Club gefeiert haben. Als Mohamad erzählte, wie er auf dem Weg von Aleppo in die kurdische Provinz zu Verwandten nach 14 gut überstandenen Straßensperren von Dschihadisten aus dem Bus geholt wird und er und seine ihn begleitende Mutter nicht wissen, ob er gleich erschossen oder gezwungen wird, sich der militanten Gruppe anzuschließen, wurde es ganz still. Warum kommen so viele junge Männer, ist eine oft gestellte Frage. Sicher, weil ihre Chancen lebend nach Europa durchzukommen größer ist als von Frauen, aber auch weil jungen Männern droht, als Soldaten in den Krieg gezwungen zu werden. Welche Eltern möchten ihre Söhne in einen Krieg schicken? Eine köstliche Zwischenstation machten wir in einem der vielen arabischen Restaurants in dem alle eine frisch zubereitete Falafel gratis erhielten. Mohamad erzählte uns dort etwas über die Fotos aus Aleppo, die an der Wand in dem Restaurant hängen. „Wenn ich Heimweh habe, gehe ich in die Sonnenallee. Hier hört man die vertraute Sprache und bekommt leckeres arabisches Essen.“, berichtete uns Mohamad. Die Sonnenallee wird auch die arabische Straße genannt. Als wir diese Straße erreicht hatten bekam jeder Teilnehmer einen Zettel mit dem Name eines arabischen Geschäftes in arabischer Schrift. Wir drehten und wendeten die Zettel, denn es war nicht klar, wie herum die Schrift richtig gelesen wird. Unsere Aufgabe: die Sonnenallee entlang zu laufen und den Laden zu finden, auf dem das arabische Wort steht. Gar nicht so einfach, diese unbekannten Schriftzeichen wieder zu erkennen. Da kommt dann eine Ahnung auf, wie schwierig es für die Flüchtlinge ist, unsere Schrift zu lernen. Nach einer schwierigen Reise und vielen bürokratischen Hürden hat Mohamad in Marzahn eine Wohnung gefunden. Innerhalb von drei Jahren hat er es geschafft, die deutsche Sprache so gut zu beherrschen, dass er bereits Maschinenbau studieren kann. Am Ende führte uns Mohamad, der mit uns seine 71. Führung mit dem Verein Querstadtein gemacht hat, in eine wunderbare arabische Bäckerei und dort versüßten wir uns den Abschied von unserem beeindruckenden Führer und Neukölln.

© Hannah Reber